Eichhörnchen
Sciurus vulgaris
Seit der Veröffentlichung der Monografie über das Eurasische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) 2011 in der Neuen Brehm Bücherei sind wir in der Beobachtung und Erforschung dieses Kleinsäugers aktiv, u.a.
- Beobachtung mit Fotofallen und Kobelkastenkameras
- Entwicklung der Monitoringeinheit SMMU in Zusammenarbeit mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Fachbereich Mechatronik, Karlsruhe
- Mitarbeit bei der Erforschung des Eichhörnchensterbens 2015/16 durch verschiedene Pathogene, u.a. dem Squirrel Adenonvirus
- laufende Projekte zu Form und Funktion des Bakulums, des Sprunggelenkes und der
Funktion von Sesambeinen
- Mitarbeit an der Sonderausstellung zum Eichhörnchen im Naturmuseum Winterthur/ Schweiz
(2018-2026). Die Ausstellung wird noch bis Anfang 2026 gezeigt.
- Medienarbeit in Zeitschriften, Radio- und Fernsehinterviews.
Bücher und Publikationen zum Thema Eichhörnchen finden sich auf der Publikationsliste.
Eichhörnchen im Herbst
Wenn die Nüsse reifen, fallen uns Eichhörnchen mit ihrer Geschäftigkeit besonders auf. Sie nutzen im Herbst das Angebot an Hasel- und Walnüssen, Eicheln und Kastanien, um damit Vorräte für den Winter anzulegen. Vorratsdepots werden an vielen verschiedenen Orten im Boden angelegt und die Nüsse dort vergraben. Allerdings reicht der Vorrat nur für Notfälle und eine kurze, begrenzte Zeit. Daneben muss den Eichhörnchen im Wald ein natürliches Nahrungsangebot in Form von samenhaltigen Zapfen von Fichten, Kiefern, Lärchen, aber auch Samen von Buche, Eiche, Hainbuche, Ahorn und Esche zur Verfügung stehen (à baumartenreiche Wälder!). Diese sind ihre Hauptnahrungsquelle, ohne die sie nicht überleben. Um an sie zu kommen, verlassen die braunen Wipfelstürmer auch bei Kälte und Schnee jeden Tag den schützenden Kobel. Sind Zapfensamen wegen hohen Schneelagen oder Schneestürmen unerreichbar, greifen die Tiere auf die Notvorräte zurück. Was davon übrig bleibt oder nicht mehr gefunden wird, lässt neuen Wald sprießen. Mit dem Verbuddeln von Samen pflanzen sich Eichhörnchen ihren Lebensraum selbst (eco engeneering).
Eichhörnchen sind vom Körperbau und der Ernährung auf Nadelwald spezialisiert. Dort findet man auch die höchsten Zahlen an Eichhörnchen. Der Bestand schwankt regelmäßig in Abhängigkeit vom Nahrungsangebot, denn es gibt gute (Mastjahre) und schlechte Zeiten im Wald. Die Zukunft der Hörnchen ist in Zeiten von Klimawandel und Waldumbau unklar. Mit dem klimawandelbedingten Rückgang der Fichte wird nicht nur der Forst, sondern auch das Eichhörnchen seinen „Brotbaum“ verlieren. In Laub- und Mischwäldern erreichen Eichhörnchen deutlich niedrigere Dichten als im Nadelwald.
Eichhörnchen leben aber auch gerne in Siedlungen, wenn dort in Gärten, Parks oder auf Friedhöfen alte Baumbestände und Nahrung auf Haselbüschen und Walnussbäumen zur Verfügung stehen. Hier profitieren die Tiere von zusätzlichen Zufütterungen und einem passenden Baumartenangebot. Eichhörnchen füttert man am besten mit speziellen Futterautomaten mit Klappe, in den ihnen Nüsse, Mais, Sonnenblumenkerne, Weizen, aber auch Obst, Karotten, Trockenobst oder Champignons angeboten werden. Ungünstig oder gar schädlich sind Sultaninen, Rosinen, Eicheln und eine reine Erdnuss-Kost, auch wenn letztere bei den Tieren sehr beliebt ist. In Siedlungen sind die Hauptgefahren Hauskatzen und Straßenverkehr, die vor allem im Spätsommer viele Opfer fordern. An kritischen Querungsstellen haben sich spezielle Eichhörnchenbrücken bewährt. Auf Seilen oder Netzkonstruktionen können die Tiere hoch über der Straße gefahrlos von einem Lebensraum in den anderen wechseln.
Eine Verdrängung der Eichhörnchen durch das eingebürgerte nordamerikanische Grauhörnchen hat bei uns in Deutschland noch nicht stattgefunden. Auf den Britischen Inseln und in Norditalien haben die Grauen das Eichhörnchen bereits weitgehend verdrängt. Ein vergleichbarer Prozess könnte in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten in Mitteleuropa ablaufen, wenn die Grauhörnchen weiter nordwärts vordringen. Der zu erwartende Waldumbau in Richtung Laubwald könnte diese Entwicklung unterstützen.
Für den Winter bauen Eichhörnchen größere und gut ausgepolsterte Kobel (Reisignester), in denen es auch bei frostigen Minustemperaturen angenehm warm bleibt. Allerdings müssen sie jeden Tag zum Samenfressen nach draußen. Lässt strenges Winterwetter mit Schneestürmen ein Verlassen des Kobels über mehrere Tage nicht zu, dann verhungern sie.
Bereits im Januar beginnt bei Eichhörnchen die Fortpflanzungsperiode. Selbst wenn noch nicht aller Schnee geschmolzen ist, flitzen die Tiere in wilden Paarungsjagden die Stämme hinauf- und herunter, wenn mehrere Männchen einem paarungsbereiten Weibchen folgen.
Haben Eichhörnchen nach Hitzesommern ein Problem?
Verhungern unsere Eichhörnchen infolge des Hitzesommers? Derzeit machen in sozialen Netzwerken Aufrufe zur Zufütterung die Runde.
Eine akute Gefahr, dass Eichhörnchen heuer keine Wintervorräte anlegen können oder im Winter verhungern werden sehen wir momentan nicht. Wir haben dieses Jahr ein Mastjahr mit reichlich fruchtenden Waldbäumen z.B. Eicheln und Bucheckern. Auch Wal- und Haselnüsse gibt es vielerorts reichlich, aber in manchen Regionen sind gehäuft verdorrte Samen in den Nüssen feststellbar, so dass sie nicht als Nahrung geeignet sind. Wechselnde Samenernten bei bestimmten Baumarten mit guten und schlechten Jahren sind übrigens völlig normal im natürlichen Zyklus des Waldes.
Allerdings sind Eichhörnchen Waldbewohner, die sich im Winterhalbjahr überwiegend von Baumsamen (wie Fichte, Kiefer) ernähren und nur saisonal im Herbst Nüsse und Bucheckern nutzen. Teilweise wird das herbstliche Samenangebot auch in Verstecken eingelagert, aber diese Verstecke machen nur einen geringen Teil in der Winter-Ernährung aus. Zudem sind Eichhörnchen flexibel in der Nahrungswahl und können sich auch von Baumknospen, Pilzen etc. ernähren, wenn die Samen knapp werden.
Aus Sicht des Artenschutzes ist eine flächendeckende Zufütterung des Waldbewohners Eichhörnchen weder sinnvoll noch leistbar. Schwankungen im Nahrungsangebot sind völlig normal und führen zu alljährlichen Schwankungen des Eichhörnchenbestandes (aber Schwankungen im Baumsamenangebot werden oft nicht von der Öffentlichkeit sondern nur von Fachleuten wahrgenommen).
Zufütterungen in Gärten und Anlagen können bei offensichtlichem Mangel an natürlicher Nahrung kurzfristig Abhilfe schaffen, aber keineswegs den Gesamtbestand retten. Futterstellen ermöglichen jedoch Naturbegegnungen und Beobachtungen.
Bei der Zufütterung sind mehrere Aspekte zu beachten:
Es sollten nur geeignete Futtergeräte (Futterautomaten für Eichhörnchen) sowie geeignetes hochqualitatives Futter (aus dem Fachhandel) verwendet werden. Ideal sind Nüsse, Sämereien und Sonnenblumenkerne. Eine reine Erdnuss-Diät ist für Eichhörnchen ungeeignet und schädlich.
Futterplätze und Wasserstellen müssen sauber gehalten, d.h. regelmäßig gereinigt und das Trinkwasser täglich erneuert werden.
Jede Art von Fütterung birgt auch Risiken und Unannehmlichkeiten wie Krankheitsübertragung unter den Futterstellenbesuchern oder das Anlocken ungebetener Gäste wie Mäuse, Ratten oder Waschbären. Fütterung kann meistens nicht selektiv für nur eine Tierart erfolgen.
Keinesfalls sind das massenhafte Absammeln und Einlagern von Nüssen und Samen aus der freien Natur zu empfehlen. Auf diese Weise wird anderen wildlebenden Tieren wie Bilchen oder Vögeln ihre natürliche Nahrungsgrundlage entzogen.
Eine wesentlich wichtigere und nachhaltigere Hilfe für Eichhörnchen und andere Tiere ist die naturnahe Gestaltung von Gärten und Anlagen mit Bäumen, Sträuchern, Haselnussbüschen, Quartier- und Versteckangeboten.
Dem Waldbewohner Eichhörnchen geht es in naturnah bewirtschafteten Wäldern besonders gut, wenn ihm dort eine Mischung unterschiedlicher samen-tragender Baumarten in verschiedenen Altersklassen zur Verfügung stehen.
Zur Fütterthematik beim Eichhörnchen haben wir in den Mitt. unserer Säugetierwelt 2020 eine umfassende Übersichtsarbeit veröffentlicht. Auf Wunsch senden wir ein PDF gerne zu.