Unser Forschungsprojekt
Wellingtonien und Waldbaumläufer in Württemberg
Eine ornithologische Feldstudie
von Jason und Stefan Bosch
2025
König Wilhelm I. von Württemberg legte 1860 mit der „Wilhelma-Saat“ den Grundstein für die Ansiedlung kalifornischer Mammutbäume in seinem Königreich. Sowohl im Herkunftsgebiet Kalifornien als auch in anderen europäischen Ländern nutzen Waldbaumläufer (Certhia familiaris) die faserige Stammrinde der Wellingtonien, um sich darin Schlafplätze anzulegen. Nach dem Erstnachweis dieses Verhaltens in Baden-Württemberg 1955 legt diese Studie erstmals eine umfassende und unseres Wissens in diesem Umfang einmalige Dokumentation zu diesem Naturphänomen für unser Bundesland resp. ganz Kontinentaleuropa vor.
Fotos: Wellingtoninen aus der Wilhelma-Saat im Stromberg bei Sternenfels, sie gaben den Anstoß für unser Projekt (rechts). Wellingtonie, Waldbaumläufer, Info-Tafel von ForstBW, wie man sie an vielen Standorten der Wilhelma-Saat (unten von links nach rechts).
An 27 Standorten in Württemberg wurden 216 Mammutbäume auf die Nutzung als Schlafplätze untersucht und Daten zu den Bäumen und Schlafmulden erhoben. Das Verhalten der Vögel wurde an zwei Standorten über vier Winterperioden (2021-2025) bei über 40 nächtlichen Kontrollen beobachtet und dokumentiert. Zur Detektion schlafender Vögel wurde ein Verfahren aus Thermografie und Digitalfotografie entwickelt, mit dem schlafende Baumläufer störungsarm erfasst und gezählt werden können. Ergänzend erfolgte eine Literaturrecherche in wissenschaftlichen Datenbanken.
Landesweit sind an allen untersuchten Standorten der „Wilhelma-Saat“ sowie an jüngeren Mammutbäumen Spuren von übernachtenden Waldbaumläufern nachzuweisen. Die meisten Schlafmulden finden sich an den Stämmen älterer Bäume mit größerem Stammumfang und in astfreien Höhen von 2 bis 4 Metern über dem Boden. Mulden werden in allen vier Himmelsrichtungen angelegt, jedoch seltener zur Wetterseite im Westen. Nicht alle Bäume weisen Mulden auf und diese sind nicht kontinuierlich belegt. Ein Maximum übernachtender Vögel findet sich im Dezember und Januar. Für die Anlage eines Schlafplatzes spielen die Beschaffenheit und Bearbeitbarkeit der Rinde, ungehinderter Anflug, Astfreiheit und die Exposition des Baumes eine Rolle. Entgegen der verbreiteten Meinung, Waldbaumläufer schlafen nur solitär konnten wir einen der wenigen Nachweise von mehreren zusammengekuschelten Vögeln in einer Schlafmulde erbringen.
Fotos:
Rinde einer Wellingtonie im Alter von ca. 120 Jahren, nachts schlafender Waldbaumläufer in einer selbst gestalteten Rindenmulde, Theromgrafie eines schlafenden Waldbaumläufers (von links nach rechts).
Auch in Deutschlands Südwesten ermöglichen die inzwischen hoch gewachsenen Mammutbäume den Baumläufern flächenhaft dieselben Schlafgewohnheiten, wie sie aus Kalifornien und von den Britischen Inseln bekannt sind. An allen untersuchten Standorten im Wald und in Siedlungen nutzen sie die Bäume ab einem Alter von ca. 100 Jahren. Diese Arbeit liefert erstmals eine umfassende, aktuelle Bestandsaufnahme und Dokumentation des außergewöhnlichen Verhaltens der Vögel für Baden-Württemberg. Unsere Beobachtungen und Ergebnisse stimmen mit Studien aus Nordamerika, Großbritannien und Irland und den Angaben in der internationalen Literatur weitgehend überein.
Mit unserer 36-seitigen ornithologischen Feldstudie „Waldbaumläufer und Wellingtonien in Württemberg: Die Mammutbäume von König Wilhelm I. ermöglichen Waldbaumläufern (Certhia familiaris) dieselben Schlaf-gewohnheiten wie in Kalifornien und auf den Britischen Inseln“ haben wir (Jason und Stefan Bosch) uns um den Landespreis für Heimatforschung Baden-Württemberg 2025 beworben.
Wir freuen uns sehr, dass unsere Arbeit mit dem 1. Preis ausgezeichnet wurde :-).