Aktueller Naturmoment

Alle Beiträge der Serie Naturmomente 
finden sich auf der Homepage des Naturparks Stromberg-Heucheberg

Mauersegler: Zehn Monate im Flug

Mit dem Mauersegler (Apus apus) verlässt und bereits ab Mitte Juli eine der faszinierendsten Brutvogelarten. Wenn sie abends in rasantem Tempo und mit lauten sri-sri-Rufen über die Hausdächer schießen, steht ihr Abflug bevor. Als Langstreckenzieher wird sie ihre Reise in Tagesetappen von bis zu 800 Kilometern nach Afrika bis südlich des Äquators und teilweise bis Südafrika führen. 
Mauersegler sind mit ihren langen sichelförmigen Flügeln perfekte Flieger, die alles in der Luft machen: Fluginsekten wie Mücken, Fliegen, Stechmücken und Spinnen fangen, fressen, trinken, das Gefieder pflegen, sich paaren, Nistmaterial sammeln und sogar schlafen. Nur zum Eierlegen, Brüten und Nachwuchs aufziehen haben sie festen Boden unter den Füßen. Nach der Brutzeit sind sie bis zu zehn Monate ausschließlich in der Luft. Ein Vogel fliegt in seinem Leben über drei Millionen Kilometer, das entspricht viermal zum Mond und zurück. Beim rasanten Flug schlagen die Flügel bis zu acht Mal pro Sekunde. Nistplätze werden mit bis zu 64 Stundenkilometern angeflogen und beim Landen abrupt abgestoppt. Im Juli und Anfang August sammeln sich abends oft zig Mauersegler über Städten und Dörfern. Laut rufend schrauben sie sich immer höher in die Abenddämmerung. Die Nacht verbringen sie fliegend im Schlaf in 3000 Metern Höhe und am nächsten Morgen kommen sie wieder zu uns herunter. 

Hoch hinaus wollen die Segler auch mit ihren Brutplätzen, die sich bevorzugt unter den Dächern oder in Mauerspalten hoher, meist älterer Gebäude befinden. Aus diesen Höhen können sie sich in den Flug fallen lassen. Denn ihre kleinen Füße bieten mit scharfen Krallen zwar guten Halt an Mauern, aber wenn die Superflieger versehentlich zu Boden gehen, sind sie hilflos und können kaum aus eigener Kraft in den Flug abheben. In Nischen und Spalten brüten Mauersegler einmal pro Jahr 18 Tage lang zwei bis drei Eier aus. Mit dem Brutgeschäft beginnen sie im Alter von zwei bis drei Jahren. In der Sommersaison davor suchen sie bereits potenzielle Nistplätze auf, denen sie dann sehr treu bleiben. Gebäudebrütern fehlt es jedoch zunehmend an Nistgelegenheiten. Moderne Baumweisen bieten kaum Nischen und bei Renovierungen gehen viele Brutplätze oft unbemerkt verloren. Da die Vögel ein wichtiger Bestandteil der urbanen Biodiversität sind, kann man sie mit speziellen Nistkästen an geeigneten Standorten unterstützen. Dafür bleibt bis Ende April kommenden Jahres Zeit, bis die Segler von ihrer langen Reise zum Brüten zu uns zurückkehren. 

Jetzt live: Die Lichtershow der Glühwürmchen 

Laue Abende mit dem bezaubernden Lichtertanz der Glühwürmchen sind der gelungene Abschluss eines Hochsommertages. Bei den Glühwürmchen handelt es sich um den nur einen Zentimeter großen Kleinen Leuchtkäfer (Lamprohiza splendidula). Da er nur jetzt im Juni und Juli zu entdecken ist, wird er auch Johanniskäfer genannt. Um die gaukelnden Lichter im Dunkeln zu sehen, braucht es drei Voraussetzungen: Die Leuchtkäfer fliegen an windstillen, warmen Abenden ab Sonnenuntergang bis Mitternacht. Günstig sind eher feuchte Lebensräume wie der Waldrand, naturnahe Wiesen mit hohem Gras, Gebüsche oder Gewässerufer. Und stockdunkel muss es sein. Nächtliches Kunstlicht stört die Tiere. 
Alle drei in Deutschland heimischen Leuchtkäferarten leuchten. Aber die Männchen des Kleinen Leuchtkäfers sind die einzigen nachaktiven Tiere, die fliegen und leuchten. Sonst senden nur die flugunfähigen Weibchen Lichtsignale aus, um einen Partner anzulocken. Leuchtkäfer haben am Körper weiße Bereiche, die lichtdurchlässig sind und reflektieren. Licht produzieren sie in einem speziellen Leuchtorgan mit Hilfe der Biolumineszenz, einer biochemischen Reaktion, die im Gegensatz zu unseren Lampen Energie hocheffektiv in Licht und kaum in Wärme umwandelt. Biolumineszenz benutzen neben Insekten unter anderem auch Tiefseefische, Quallen, Pilze, Einzeller und Bakterien. 
Sehr romantisch endet das nächtliche glühende Rendez-vous nicht. Nach einem ohnehin nur wenige Tage dauernden Käferleben sterben die Männchen nach der Paarung und die Weibchen nach der Eiablage. Im August schlüpfen die Larven. Sie leuchten ebenfalls und ernähren sich von Schnecken und Regenwürmern. Nach über drei bis vier Jahren schlüpfen die Käfer. 
Die Chancen, Glühwürmchen zu entdecken sind geringer geworden, da die genannten Rahmenbedingungen für die Käfer oft nicht mehr gegeben sind. Neben Pestiziden und intensiver Mahd mehren sich jüngst die Indizien, dass Lichtverschmutzung weltweit eine relevante Rolle beim Rückgang von Nachtfaltern und Glühwürmchen spielt. Kunstlicht beeinflusst nachweislich ihr Verhalten und beeinträchtigt die Fortpflanzung. Die beliebten Glühwürmchen geben Anlass, unseren Lichtkonsum im privaten und öffentlichen Bereich kritisch zu hinterfragen. Viele nachtaktive Tiere und unsere Gesundheit profitieren von einem verantwortungsvollen Lichtmanagement. Wer die Natur liebt, löscht nachts die Lichter und genießt den Nachthimmel und die Lichterketten der Glühwürmchen. 

Foto: Männchen des Kleinen Leuchtkäfers, links Ober- und rechts die Unterseite mit Leuchtorgan

Bocks-Riemenzunge:
Die Orchidee mit besonderen Blüten und Gerüchen

Orchideen kennt man mit großen bunten Blüten aus dem Gartenmarkt. Heimische, wild wachsende Orchideen haben eher kleine, aber nicht minder hübsche Blüten. Eine üppig blühende und zugleich imposant wachsende Art ist die Bocks-Riemenzunge (Himanthoglossum hircinum), die stattliche 30 bis 100 Zentimeter erreichen kann. Sie blüht im Mai und Juni an Böschungen, Gebüschsäumen, Weinbergrändern, auf Magerrasen, extensiv genutzten Wiesen und Obstwiesen bevorzugt auf warmen, kalkhaltigen Böden. 
Ihren Namen verdankt die Orchidee der Blütenform und ihrem Geruch, der vorwiegend nachts verströmt wird und an den eines Ziegenbocks erinnert. An Blüten kann die kegelförmige Staude bis zu 100 tragen, die sich über einen Zeitraum von etwa zwei Wochen alle öffnen. Sie haben helmartig aufgerollte Blütenblätter und eine bodenwärts abstehende, riemenartige, bis zu sechs Zentimeter lange Lippe, die gerollt oder gewunden sein kann. Die Blüten werden gerne von Hummeln und Wildbienen besucht, die für die Bestäubung sorgen. Jede Riemenzunge blüht maximal vier- bis fünfmal, bis ihre Energiereserven erschöpft sind und sie eingeht. Aus diesem Grund kann die Zahl der Orchidee an einem Standort erheblich schwanken. Nach der Blüte reifen im August die Kapselfrüchte, aus denen sich jahrelang keimfähige Samen entleeren. Zum Keimen benötigen die Samen einen Wurzelpilz, der ihnen Nährstoffe bereitstellt. 
Auch wenn die Riemenzunge kalte Winter und Spätfröste schlecht verträgt, weitet sie seit den 1990er Jahren im Zuge der Klimaerwärmung ihr Areal vom Südwesten nordwärts bis zu einer Linie Nordeifel-Thüringen aus. Aufgrund dieses Trends wurde die besonders geschützte Pflanze von vielenRoten Listen genommen. Baden-Württemberg und Bayern waren und sind Verbreitungsschwerpunkte, in denen sie zerstreut und in wechselnder Häufigkeit vorkommt. Starke Bestandsschwankungen sind normal. 
Im Mai und Juni ist die oft in lockeren Gruppen wachsende Bocks-Riemenzunge aufgrund ihrer Wuchsform eine auffällige Pflanze, die man in den genannten Lebensräumen entdecken kann. Auch bei ihr gilt wie bei allen geschützten Pflanzen: Anschauen immer, abpflücken nie. Und beim Fotografieren bitte auf benachbarte Exemplare achten, um sie nicht zu zertreten. 

Biber, die versierten Öko-Ingenieure 

 
Die Rückkehr der fast ausgerotteten Biber (Castor fiber) und ihre Aktivitäten werden oft mit Vorbehalten und Sorge verfolgt, bergen ihre wasserbaulichen Fähigkeiten doch durchaus das Potenzial für Wasserstau, Abflussbehinderungen z.B. in Gräben etc. Dennoch mehren sich mit seiner wieder weiteren Verbreitung die Erkenntnisse, dass selbst in besiedelten Regionen ein Zusammenleben mit dem Biber möglich und für die Natur von enormem Nutzen ist. Während man die Tiere selbst kaum zu Gesicht bekommt, sind ihre Aktivitäten als Öko-Ingenieure und deren Folgen umso auffälliger. Wie nur wenige andere Tierarten entpuppt sich der Biber als ein überaus erfolgreicher, fachkundiger Landschaftsgestalter und als Förderer der Artenvielfalt und Klimaresilienz. Binnen weniger Jahre gestalten Biber mit ihren exzellenten Fähigkeiten in Geologie und Hydrologie Landschaften durchgreifend um und verbessern und schaffen neue Ökosysteme zum Nulltarif. 
Hinter Biberdämmen aus abgenagten Ästen und Stämmen entstehen kleine Feuchtgebiete, die Wasser und Leben in unsere an Tümpeln, Teichen und Gräben verarmten Landschaften zurückbringen. Zurückgehaltenes Wasser kühlt die Landschaft und mildert Starkregen und Hochwasser. Biberreviere sind so feucht, dass sie in Nordamerika Waldbränden widerstehen und sich danach als grüne Inseln aus den schwarz verkohlten Brandflächen hervorheben. Im Internet finden sich eindrucksvolle Berichte zu der Erkenntnis: Im Biberland hat‘s nicht gebrannt. Und Biber nützen anderen, auf Feuchtgebiete angewiesenen Arten. Eine aktuelle Studie belegt, dass Fledermäuse in Biberlebensräumen und weit darüber hinaus profitieren. Wo die Biber leben, gibt es mehr Arten und Individuen an Fledermäusen und mehr Insektennahrung für sie. Aktuell finden sich einzelne Vorkommen im Norden Baden-Württembergs entlang von Bächen und Flüssen, auch am Rand des Naturparks Stromberg-Heuchelberg. Biber sind mit ihren scharfen Nagezähnen in der Lage vielfältige Lebensräume zu schaffen. Vielleicht sollten wir neben den Problemen auch die Chancen sehen und dort, wo es vertretbar ist, einfach mal mit Mut den Meister machen lassen?